Fundstück aus dem ISGV – im April 2025

Feuer und Asche. Die Lebenserinnerungen von Richard Schneider

von Sönke Friedreich

2024 jährte sich die erste Einäscherung eines menschlichen Leichnams in einem Industrieofen (und damit die Geburt der modernen Feuerbestattung) zum einhundertfünfzigsten Mal. Durchgeführt von der Firma Friedrich Siemens in Dresden, die sich auf den Ofenbau für die Glasherstellung spezialisiert hatte, gelang eine schnelle und rückstandsreduzierte Verbrennung, die in den Folgejahren zur Voraussetzung für würdevolle Urnenbestattungen werden sollte. Maßgeblich beteiligt an diesem Erfolg war der bei Siemens als Erster Ingenieur angestellte Richard Schneider (1848–1929), der für die Konstruktion des Ofens verantwortlich war. Es gehört zu den glücklichen Zufällen der Arbeit des Lebensgeschichtlichen Archivs des ISGV, dass das Institut im Jubiläumsjahr aus Schneiders Nachlass eine Reihe von Dokumenten übernehmen konnte, darunter Personenstandsurkunden, Zeugnisse und Fotografien. Das Kernstück des Konvolutes stellt ein Typoskript mit den Lebenserinnerungen Schneiders dar, bestehend aus 231 Schreibmaschinenseiten, die der Autor vermutlich in seinen letzten Lebensjahren verfasst hat.

Zeugnis der Kreuzschulefür Richard Schneider,
1864 (ISGV, LGA Projekt 121)

Richard Schneider wurde 1848 als jüngstes Kind des Professors für Maschinenlehre Johann Bernhard Schneider und seiner Frau Luise in Braunschweig geboren, kam jedoch bereits im Alter von sechs Jahren nach Dresden, als sein Vater an das dortige Königlich Sächsische Polytechnikum (ab 1890 Technische Hochschule) berufen wurde. Zunächst in die Böttcher’sche Schule in der Breitestraße eingeschult, besuchte er ab 1860 das Kreuzgymnasium, wo er 1867 das Abitur ablegte. Nachdem er in Dresden sein Maschinenbau-Studium 1871 erfolgreich abgeschlossen hatte, trat er im gleichen Jahr eine Stelle in der Firma von Friedrich Siemens (1826–1904) an, der mit der Erfindung des regenerativen Gasofensystems einen ingenieurtechnischen Meilenstein gesetzt hatte. Hier blieb Schneider über 14 Jahre, bis er sich 1885 mit einem „Bureau für Gasfeuerungs-Anlagen“ selbständig machte.

Die erste Seite der „Lebenserinnerungen“
von Richard Schneider, 1920er Jahre
(ISGV, LGA Projekt 121)

Schneiders Lebenserinnerungen sind vor allem durch Berichte über sein Arbeitsleben und die von ihm vollbrachten ingenieurtechnischen Leistungen geprägt. Sie erzählen von seinem raschen Aufstieg vom neugierigen Studenten zum wichtigsten Mitarbeiter von Siemens, von den Details des Ofenbaus und dem Findungsreichtum des Autors. Sie enthalten jedoch mehr als nur rein technische Beobachtungen. Da Schneider in seiner Stellung als Erster Ingenieur sowohl inner- wie außerhalb Deutschlands viel unterwegs war, um die Siemens-Öfen zu planen, zu prüfen und ggf. nach seiner Anweisung reparieren zu lassen, begegnete er zahlreichen Menschen und lernte etliche Länder kennen. Seine diesbezüglichen Anmerkungen und Anekdoten sind offenherzig und lassen großes Interesse an seinen Zeitumständen und Mitmenschen ebenso erkennen wie einen Hang zum Komischen. So berichtete er beispielsweise über „patriarchalische Zustände“ in einer Glasfabrik in Nienover im Hannoverschen, wo die Arbeiter mit dem Besitzer gemeinsam aßen und das Tischgebet sprachen (S. 24), erzählte eine Anekdote über einen jungen Professor, der sich bei einem Kommers dem Alkohol hingab und daraufhin von Schneider unauffällig in eine „Todtenkammer“ verbracht wurde, um seinen Rausch auszuschlafen (S. 33-34), und schilderte eine Wanderung von Kempten nach München, einschließlich einer zufälligen Begegnung mit König Ludwig II. auf der Baustelle von Schloss Neuschwanstein (S. 56-57).

Schneider legte viel Wert auf die Begegnungen in gesellschaftlich tonangebenden Kreisen, die ihm seine Anstellung bei Siemens verschaffte; zugleich scheint in seinen Lebenserinnerungen eine große Abenteuerlust auf. So feierte er u.a. das Mittsommerfest in Nordschweden (S. 69-70), wurde in Russland von der Geheimpolizei überwacht (S. 97-98), bestieg das Innere des Vesuvs (S. 128-131), tanzte in Ungarn den Csárdás (S. 167), gastierte in der Kruppschen Villa Hügel zum Dinner (S. 185) und ließ sich an der holländischen Küste vor dem Ertrinken retten (S. 194). Alle diese Erlebnisse fanden im Zeitraum von Schneiders Anstellung bei Siemens zwischen 1874 und 1885 statt; erst ab Seite 200 der Lebenserinnerungen kommt er auf seine Kündigung und den Schritt in die Selbständigkeit zu sprechen. Die restlichen Seiten beschreiben seine Geschäftstätigkeit bis 1891, dann bricht das Typoskript ab. Ob der Rest verlorengegangen ist oder der Verfasser nicht mehr dazu kam, den Text zu vollenden, lässt sich nicht rekonstruieren.

Rund zwölf Seiten widmete Schneider der ersten Feuerbestattung in Dresden. Demnach kam im April oder frühen Mai 1874 der Medizinalrat Friedrich Küchenmeister in die Firma, um mit Friedrich Siemens über dieses Vorhaben zu sprechen; derselbe berichtete, dass rein zufällig kurz zuvor der Medizinprofessor Karl Heinrich Reclam in Leipzig ihm von derselben Idee erzählt habe. Dieses Zusammentreffen führte zu einer „jahrelang dauernde[n] bitter[en] Fehde“ zwischen Küchenmeister und Reclam um den Anspruch, wer sich als erster für das Verfahren eingesetzt hatte, ein Streit, den Schneider erst 1876 auf dem 1. Internationalen Kongress für Feuerbestattung schlichten konnte. Siemens erklärte sich bereit, den Versuchsofen zu bauen, und übertrug Schneider die Aufgabe einer schnellen und geruchslosen Einäscherung. Der Ingenieur baute einen Ofen, der „sich glänzend bewährte“, und am 9. Oktober 1874 konnte mit der Verbrennung der Leiche von Lady Katherine Dilke aus England die erste Einäscherung eines menschlichen Leichnams von statten gehen. Diese dauerte mit zwei Stunden etwas länger als vorgesehen, und die englischen Gäste, die die Leiche nach Deutschland überführt hatten, drängten zur Eile, „damit sie mit dem Abendschnellzug fort kämen und in England bei der Zollrevision keine Schererei hätten, denn in England war damals nach einem eigentlich nur für Indien bestimmten Gesetz die Leichen-Verbrennung verboten.“ (S. 49) Da die Engländer nicht wussten, wie sie die Asche legal ins Land einführen sollten, verblieb diese schließlich in Dresden (wo sie bis heute im Stadtarchiv aufbewahrt wird).

Todesanzeige für Richard Schneider in den
„Münchener Neuesten Nachrichten“ v. 31. Juli 1929
(ISGV, LGA Projekt 121)

Schneider war auch in den folgenden Jahren weiterhin mit den technischen Aspekten der Feuerbestattung befasst. Auf dem Dresdner Kongress für Feuerbestattung 1876 hielt er einen Vortrag und war anschließend am Bau des ersten Krematoriums in Gotha beteiligt. Wie er voller Stolz anmerkte, gingen „alle neueren Öfen zur Einäscherung von Leichen“ auf seine ursprüngliche Konstruktion zurück und „sind meinem Ofen und dem darin zum Ausdruck gebrachten System nachgebaut worden.“ (S. 54)

Das Typoskript spiegelt das Leben eines technisch und ökonomisch begabten Spezialisten, der uns als ein prototypischer Akteur der industriell-kapitalistischen Moderne in Deutschland entgegentritt. Zugleich gibt der Text einen Einblick in Wahrnehmungsweisen und Selbstdarstellung eines aufstrebenden Angehörigen des Wirtschaftsbürgertums mit kosmopolitischem Anstrich. Die Unterlagen aus dem Nachlass werden als Projekt 121 im Lebensgeschichtlichen Archiv aufbewahrt und können dort auf Anfrage eingesehen werden.

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